20 RPM RevolutionsPerMinute
Andrea Kessler


Was ist es

Elastische Stoffebenen werden von vertikal gespannten Fäden in Schwebe gehalten. Bewegungen eines bestimmten Radius um das Modell werden sensorisch erfasst. Diese Impulse werden computergesteuert auf Servo-Motoren umgelegt, die mit einem Summen und Klicken Zug und Gegenzug auf die Fäden legen. Dadurch beginnen sich die Stoffebenen zu verzerren und zu bewegen. Sie öffnen und schließen sich und gewähren Einblick in eine geschwungene Landschaft aus elastischen Stoffen. Die Entfernung des Betrachters zum Objekt definiert algorithmisch die Geschwindigkeit und Reihenfolge, in der sich die angesteuerten Motoren bewegen. Durch Annäherung wird das Objekt zum immer heftiger reagierenden Organismus, der erst bei Einfrieren der Bewegungen wieder zur Ruhe kommt.

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Aktion.Reaktion

Es ist beinahe unmöglich, sich dem Objekt unbemerkt zu nähern oder auch nur daran vorbeizugehen. Sobald die Kamera den Betrachter erfasst, wird er durch die Reaktion des Objekts aufgefordert, in den Gestaltungsprozess einzugreifen. Mit jeder Bewegung wird die Skulptur verändert und eine Geräuschfolge produziert, die durch die computergesteuerten Servos entsteht. Er wird vom passiven Kunstflaneur zum (Mit-)Gestalter. Möglicherweise beginnt der Flaneur durch Bewegen der Arme, durch Hin- und Herwippen oder schnelles und langsames Kreisen ums Objekt plötzlich seinen Körper einzusetzen, um eine adäquate Sprache zu entwickeln, die es ihm ermöglicht, die Bewegung der Motoren vorhersehbar zu steuern. Die Neugier darauf, wie sich die eigene Präsenz auf die Formveränderung auswirkt, kann zu einem spielerischen Ausprobieren und Entdecken führen. Die eigene Bewegung ist dann nicht mehr die des schauenden Flaneurs, sondern des Spielenden, des Tänzers, des Kommunizierenden. Dadurch wird er selbst Teil einer Choreographie, um so mehr wenn mehrere Betrachter sich gleichzeitig dem Objekt nähern. Jeder Zustand des Objekts ist einzigartig. Will der Betrachter einen Schritt weiter links zwischen den Ebenen durchblicken, steht er einem bereits veränderten Ganzen gegenüber. So wie das Objekt aus dem Flaneur einen Tänzer und Forscher macht, gestaltet und erschafft der Betrachter das Objekt in jeder Sekunde neu. Der Begriff »partizipative Installation« deutet somit eine gegenseitige Beeinflussung an, einen Dialog zwischen Objekt und Mensch.




Netzwerk

Wichtig bei dieser Arbeit war für mich die Frage nach dem Prozess des gemeinsamen Gestaltens ohne Hierarchie. Ein Gefüge muss keine zentrale Steuerungsinstanz aufweisen oder fixierten Funktionszuweisungen folgen, sondern kann auch nach dem Modell eines Netzwerkes organisiert sein. In einem Netzwerk steht ein Knotenpunkt in Verbindung mit anderen Punkten. Verändert sich einer der Knotenpunkte in seiner Position, hat das Auswirkungen auf seine unmittelbar benachbarten und die mittelbar mit ihm verbundenen Knotenpunkte. Das Gefüge des Netzes bleibt aber stabil in seiner Gesamtheit, es befindet sich in einem Prozess der ständigen Veränderung und Neukonfiguration seiner Gestalt, ohne dass die einzelnen Elemente ihre Identität verlieren. Meine Arbeit ist stark von dieser Idee des Netzwerks geprägt. Das Objekt unterliegt einem Prozess, der sich durch zeitliche und räumliche Veränderung definiert und durch Interaktion entsteht. So wird zum Beispiel die verzerrte Form der Stoffebenen und der Rhythmus ihrer Schwingung von acht separaten Servomotoren bestimmt. Diese Motoren können sektorweise in Betrieb gesetzt werden oder auch einzeln angesteuert werden (eine Person kann bis zu drei Motoren gleichzeitig in Bewegung setzen, da die Anordnung der Einheiten radial um das Objekt laufen). Annäherung und Entfernung zum Zentrum sind die Parameter, die einen Richtungswechsel der Servos auslösen und ein Öffnen oder Schließen der Stoffebenen bewirken. Da jeder Betrachter die Gestalt des Objekts verändert, kommt es bei mehreren Betrachtern zur Überlagerung, Parallelität und Selektion verschiedener Bewegungsabläufe, die sich im Objekt widerspiegeln. Je mehr Akteure gleichzeitig die Ebenen in Schwingung versetzen, desto nervöser werden die Motoren und die Bewegungen werden kürzer und ruckartiger ausgeführt. Die Betrachter sind dabei grundsätzlich gleichberechtigt, da jede Bewegung von der Kamera erfasst wird. Das Objekt lässt jedoch die Möglichkeiten offen, wie sich die Betrachter zueinander verhalten - ob sie spielerisch aufeinander eingehen, ob sie in einer spontanen Choreographie gemeinsam versuchen, das Objekt zu beeinflussen, oder ob sie einander ignorieren oder gegeneinander arbeiten. Der Begriff des Netzwerks drückt auch die soziale Vision einer hierarchielosen Gesellschaft aus, was der doppeldeutigen Titel »Revolutions per Minute« bereits andeutet. In den Umdrehungen pro Minute der Servomotoren schlummert die Möglichkeit einer kollektiven Veränderung, die Einsicht über die ständige Beeinflussbarkeit von Strukturen, die man bis dahin als stabil, fixiert und nicht veränderbar wahrgenommen hat.


 


Stadt.Land.Schaften

In Ansatz, der mich von Beginn der Arbeit an begleitet hat, war die Auseinandersetzung mit den Ideen von Gilles Deleuze über »das Glatte und das Gekerbte« im Werk »Mille Plateaux«. Die bildhafte Beschreibung vom gekerbten Stadtraum und dem glatten Raum der Wüste stellt für mich eine interessante Interpretationsmöglichkeit meiner Arbeit dar. Die beiden Räume und deren Naturgegebenheiten werden miteinander verglichen, ebenso wie die Lebensweisen der Menschen. So gelangt Deleuze zu der Ansicht, dass Raum sehr unterschiedlich eingenommen wird. Nomaden steuern von einem Punkt aus in alle Richtungen, ihre Bewegungsabläufe können vektoriell beschrieben werden. Dichtbebaute Stadtstrukturen definieren sich über Strecken - ein Punkt zum nächsten ergibt eine Strecke, die durch Faltungen zur Kante wird. Beide Räume unterziehen sich einer permanenten Wandlung von glatt in gekerbt, wobei gewisse Grundtendenzen vorherrschen. »…, dass es zwei nicht symmetrische Bewegungen gibt, eine die Glattes einkerbt, und eine, die ausgehend vom Eingekerbten wieder zum Glatten führt. ...Im Glatten wie im Gekerbten gibt es Punkte des Stillstands und Bahnen, aber im glatten Raum reisst die Bahn den Stillstand fort, hier umfasst das Intervall noch alles, ist das Intervall Substanz. «Deleuze ist überzeugt, dass man in glatten Städten auch wohnen kann: »…nomadisches Gehen…bewirkt, dass die Stadt ein Patchwork ausstösst Geschwindigkeitsdifferentiale, Verzögerungen und Beschleunigungen, Umorientierungen, kontinuierliche Variationen. Somit geht die Transformation des Raumes mit einer Bewegung einher, die von Stadtbewohnern selbst ausgeht. Dieses Prinzip soll in meiner Arbeit - als Formänderung, die durch Aktionen zu Fliessen beginnen und einen Umwälzungsprozess auslösen - wahrnehmbar sein. Und manchmal müssen wir uns daran erinnern, dass die beiden Räume nur wegen ihrer wechselseitigen Vermischung existieren.


 


Remote Control

Das Objekt reagiert auf den Betrachter, aber die Logik seiner Reaktionen ist nicht leicht nachzuvollziehen. Es erfordert einiges Ausprobieren und Kombinieren, um dahinter zu kommen, auf welche Art und Weise die Ebenen auf die eigenen Bewegungen reagieren. Erst dann kann man erfolgreich versuchen, das Objekt in eine bestimmt Richtung zu beeinflussen, seinen Rythmus zu kontrollieren. Wie reagieren die Betrachter auf diese Undurchschaubarkeit? Welche Verhaltensweisen und Eindrücke löst das Objekt bei ihnen aus? Im alltäglichen Leben gibt es zahlreiche Anwendungen sensorischer Elemente, die ohne direkte Berührung oder Verkabelung funktionieren: automatische Schiebe - oder Drehtüren, Autobahnmautüberwachunssysteme, Lichtschranken in Museen, Schaufensterbeleuchtung, die sich nur einschaltet, wenn man sich nähert, elektronische Fußfesseln, Fernbedienungen, Computerspiele, ...All diese Anwendungen lassen sich auf zwei sehr gegensätzliche Funktionen zurückführen: Kontrolle einerseits, Dienen andererseits. Die Tür geht auf, um uns durchzulassen, die Fernbedienung setzt unsere Befehle um - während die Lichtschranke sich mit einem lauten Ton meldet, wenn jemand dem Kunstwerk zu nahe kommt oder das Produktsicherungssystem im Kaufhaus einen Ladendieb beim Hinausgehen identifiziert. Manche dieser Anwendungen nehmen wir wahr, andere werden eingesetzt, ohne dass wir etwas davon mitbekommen. Dieses Objekt hingegen möchte nicht kontrollieren, es steht aber auch nicht für simple Manipulationen offen. Man muss sich eine Zeitlang mit den Reaktionen beschäftigen, experimentieren und beobachten, und auch auf die anderen Betrachter achten, um hinter die Logik zu kommen. Dadurch wird die Interaktion zu einem Dialog. Dazu lassen die deformierten, sich ständig verändernden Flächen viele Assoziationen zu. Ist das ein Maul, das sich öffnet? Atmet hier ein Organismus? Ist das Objekt tatsächlich fremdgesteuert oder habe ich es lediglich aufgeweckt? Verschiedenste Zugänge sind möglich und bewusst offen gelassen. Auch die Entwicklung von Stadträumen und sozialen Prozessen sind schwer vorhersehbar und nur bis zu einem gewissen Grad kontrollierbar.


 


Anwendungen / Ausblicke

Mit der hier ausgestellten Installation ist ein Setup illustriert, das eine Weiterbearbeitung in vielerlei Hinsicht ermöglicht. Andere Materialien, Dimensionierungen und Interaktionsmuster stehen zur Auswahl, um Experimente innerhalb der Disziplinen Architektur, Psychologie oder Technik zu ermöglichen. Die Ebenen könnten einen gesamten Raum überspannen und ganze Räume und Plätze variieren ihre Form. Ebenso könnte das Objekt von einem anderen dislozierten Ort aus gesteuert werden. Anstatt der Stoffebenen könnte ein Netz aus Fäden aufgespannt sein, das seine Überschneidungs- und Knotenpunkte immer wieder neu definiert. Sucht man nach unmittelbar praktischen Anwendungen, so kann man etwa ein intelligentes Fassadensystem daraus ableiten, welches den Blick von innen nach außen öffnet, aber bei starker Sonneneinstrahlung den von außen kommenden Lichtstrahl abweist. Auch wäre eine flexibel reagierende Decken-/Bodenlandschaft eine Möglichkeit, um auf unterschiedliche Nutzungsmöglichkeiten eines Raumes einzugehen, oder auf die Anzahl der im Raum befindlichen Personen.