Was ist es
Elastische Stoffebenen werden von vertikal gespannten
Fäden in Schwebe gehalten. Bewegungen eines
bestimmten Radius um das Modell werden sensorisch
erfasst. Diese Impulse werden computergesteuert
auf Servo-Motoren umgelegt, die mit einem Summen
und Klicken Zug und Gegenzug auf die Fäden
legen. Dadurch beginnen sich die Stoffebenen zu
verzerren und zu bewegen. Sie öffnen und schließen
sich und gewähren Einblick in eine geschwungene
Landschaft aus elastischen Stoffen. Die Entfernung
des Betrachters zum Objekt definiert algorithmisch
die Geschwindigkeit und Reihenfolge, in der sich
die angesteuerten Motoren bewegen. Durch Annäherung
wird das Objekt zum immer heftiger reagierenden
Organismus, der erst bei Einfrieren der Bewegungen
wieder zur Ruhe kommt. |
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Aktion.Reaktion
Es ist beinahe unmöglich, sich dem Objekt unbemerkt
zu nähern oder auch nur daran vorbeizugehen.
Sobald die Kamera den Betrachter erfasst, wird er
durch die Reaktion des Objekts aufgefordert, in den
Gestaltungsprozess einzugreifen. Mit jeder Bewegung
wird die Skulptur verändert und eine Geräuschfolge
produziert, die durch die computergesteuerten Servos
entsteht. Er wird vom passiven Kunstflaneur zum (Mit-)Gestalter.
Möglicherweise beginnt der Flaneur durch Bewegen
der Arme, durch Hin- und Herwippen oder schnelles
und langsames Kreisen ums Objekt plötzlich seinen
Körper einzusetzen, um eine adäquate Sprache
zu entwickeln, die es ihm ermöglicht, die Bewegung
der Motoren vorhersehbar zu steuern. Die Neugier darauf,
wie sich die eigene Präsenz auf die Formveränderung
auswirkt, kann zu einem spielerischen Ausprobieren
und Entdecken führen. Die eigene Bewegung ist
dann nicht mehr die des schauenden Flaneurs, sondern
des Spielenden, des Tänzers, des Kommunizierenden.
Dadurch wird er selbst Teil einer Choreographie, um
so mehr wenn mehrere Betrachter sich gleichzeitig
dem Objekt nähern. Jeder Zustand des Objekts
ist einzigartig. Will der Betrachter einen Schritt
weiter links zwischen den Ebenen durchblicken, steht
er einem bereits veränderten Ganzen gegenüber.
So wie das Objekt aus dem Flaneur einen Tänzer
und Forscher macht, gestaltet und erschafft der Betrachter
das Objekt in jeder Sekunde neu. Der Begriff »partizipative
Installation« deutet somit eine gegenseitige
Beeinflussung an, einen Dialog zwischen Objekt und
Mensch.
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Netzwerk
Wichtig bei dieser Arbeit war für mich die Frage
nach dem Prozess des gemeinsamen Gestaltens ohne Hierarchie.
Ein Gefüge muss keine zentrale Steuerungsinstanz
aufweisen oder fixierten Funktionszuweisungen folgen,
sondern kann auch nach dem Modell eines Netzwerkes
organisiert sein. In einem Netzwerk steht ein Knotenpunkt
in Verbindung mit anderen Punkten. Verändert
sich einer der Knotenpunkte in seiner Position, hat
das Auswirkungen auf seine unmittelbar benachbarten
und die mittelbar mit ihm verbundenen Knotenpunkte.
Das Gefüge des Netzes bleibt aber stabil in seiner
Gesamtheit, es befindet sich in einem Prozess der
ständigen Veränderung und Neukonfiguration
seiner Gestalt, ohne dass die einzelnen Elemente ihre
Identität verlieren. Meine Arbeit ist stark von
dieser Idee des Netzwerks geprägt. Das Objekt
unterliegt einem Prozess, der sich durch zeitliche
und räumliche Veränderung definiert und
durch Interaktion entsteht. So wird zum Beispiel die
verzerrte Form der Stoffebenen und der Rhythmus ihrer
Schwingung von acht separaten Servomotoren bestimmt.
Diese Motoren können sektorweise in Betrieb gesetzt
werden oder auch einzeln angesteuert werden (eine
Person kann bis zu drei Motoren gleichzeitig in Bewegung
setzen, da die Anordnung der Einheiten radial um das
Objekt laufen). Annäherung und Entfernung zum
Zentrum sind die Parameter, die einen Richtungswechsel
der Servos auslösen und ein Öffnen oder
Schließen der Stoffebenen bewirken. Da jeder
Betrachter die Gestalt des Objekts verändert,
kommt es bei mehreren Betrachtern zur Überlagerung,
Parallelität und Selektion verschiedener Bewegungsabläufe,
die sich im Objekt widerspiegeln. Je mehr Akteure
gleichzeitig die Ebenen in Schwingung versetzen, desto
nervöser werden die Motoren und die Bewegungen
werden kürzer und ruckartiger ausgeführt.
Die Betrachter sind dabei grundsätzlich gleichberechtigt,
da jede Bewegung von der Kamera erfasst wird. Das
Objekt lässt jedoch die Möglichkeiten offen,
wie sich die Betrachter zueinander verhalten - ob
sie spielerisch aufeinander eingehen, ob sie in einer
spontanen Choreographie gemeinsam versuchen, das Objekt
zu beeinflussen, oder ob sie einander ignorieren oder
gegeneinander arbeiten. Der Begriff des Netzwerks
drückt auch die soziale Vision einer hierarchielosen
Gesellschaft aus, was der doppeldeutigen Titel »Revolutions
per Minute« bereits andeutet. In den Umdrehungen
pro Minute der Servomotoren schlummert die Möglichkeit
einer kollektiven Veränderung, die Einsicht über
die ständige Beeinflussbarkeit von Strukturen,
die man bis dahin als stabil, fixiert und nicht veränderbar
wahrgenommen hat. |


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Stadt.Land.Schaften
In Ansatz, der mich von Beginn der Arbeit an begleitet
hat, war die Auseinandersetzung mit den Ideen von
Gilles Deleuze über »das Glatte und das
Gekerbte« im Werk »Mille Plateaux«.
Die bildhafte Beschreibung vom gekerbten Stadtraum
und dem glatten Raum der Wüste stellt für
mich eine interessante Interpretationsmöglichkeit
meiner Arbeit dar. Die beiden Räume und deren
Naturgegebenheiten werden miteinander verglichen,
ebenso wie die Lebensweisen der Menschen. So gelangt
Deleuze zu der Ansicht, dass Raum sehr unterschiedlich
eingenommen wird. Nomaden steuern von einem Punkt
aus in alle Richtungen, ihre Bewegungsabläufe
können vektoriell beschrieben werden. Dichtbebaute
Stadtstrukturen definieren sich über Strecken
- ein Punkt zum nächsten ergibt eine Strecke,
die durch Faltungen zur Kante wird. Beide Räume
unterziehen sich einer permanenten Wandlung von
glatt in gekerbt, wobei gewisse Grundtendenzen vorherrschen.
»…, dass es zwei nicht symmetrische
Bewegungen gibt, eine die Glattes einkerbt, und
eine, die ausgehend vom Eingekerbten wieder zum
Glatten führt. ...Im Glatten wie im Gekerbten
gibt es Punkte des Stillstands und Bahnen, aber
im glatten Raum reisst die Bahn den Stillstand fort,
hier umfasst das Intervall noch alles, ist das Intervall
Substanz. «Deleuze ist überzeugt, dass
man in glatten Städten auch wohnen kann: »…nomadisches
Gehen…bewirkt, dass die Stadt ein Patchwork
ausstösst Geschwindigkeitsdifferentiale, Verzögerungen
und Beschleunigungen, Umorientierungen, kontinuierliche
Variationen. Somit geht die Transformation des Raumes
mit einer Bewegung einher, die von Stadtbewohnern
selbst ausgeht. Dieses Prinzip soll in meiner Arbeit
- als Formänderung, die durch Aktionen zu Fliessen
beginnen und einen Umwälzungsprozess auslösen
- wahrnehmbar sein. Und manchmal müssen wir
uns daran erinnern, dass die beiden Räume nur
wegen ihrer wechselseitigen Vermischung existieren.
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Remote Control
Das Objekt reagiert auf den Betrachter, aber die
Logik seiner Reaktionen ist nicht leicht nachzuvollziehen.
Es erfordert einiges Ausprobieren und Kombinieren,
um dahinter zu kommen, auf welche Art und Weise
die Ebenen auf die eigenen Bewegungen reagieren.
Erst dann kann man erfolgreich versuchen, das Objekt
in eine bestimmt Richtung zu beeinflussen, seinen
Rythmus zu kontrollieren. Wie reagieren die Betrachter
auf diese Undurchschaubarkeit? Welche Verhaltensweisen
und Eindrücke löst das Objekt bei ihnen
aus? Im alltäglichen Leben gibt es zahlreiche
Anwendungen sensorischer Elemente, die ohne direkte
Berührung oder Verkabelung funktionieren: automatische
Schiebe - oder Drehtüren, Autobahnmautüberwachunssysteme,
Lichtschranken in Museen, Schaufensterbeleuchtung,
die sich nur einschaltet, wenn man sich nähert,
elektronische Fußfesseln, Fernbedienungen,
Computerspiele, ...All diese Anwendungen lassen
sich auf zwei sehr gegensätzliche Funktionen
zurückführen: Kontrolle einerseits, Dienen
andererseits. Die Tür geht auf, um uns durchzulassen,
die Fernbedienung setzt unsere Befehle um - während
die Lichtschranke sich mit einem lauten Ton meldet,
wenn jemand dem Kunstwerk zu nahe kommt oder das
Produktsicherungssystem im Kaufhaus einen Ladendieb
beim Hinausgehen identifiziert. Manche dieser Anwendungen
nehmen wir wahr, andere werden eingesetzt, ohne
dass wir etwas davon mitbekommen. Dieses Objekt
hingegen möchte nicht kontrollieren, es steht
aber auch nicht für simple Manipulationen offen.
Man muss sich eine Zeitlang mit den Reaktionen beschäftigen,
experimentieren und beobachten, und auch auf die
anderen Betrachter achten, um hinter die Logik zu
kommen. Dadurch wird die Interaktion zu einem Dialog.
Dazu lassen die deformierten, sich ständig
verändernden Flächen viele Assoziationen
zu. Ist das ein Maul, das sich öffnet? Atmet
hier ein Organismus? Ist das Objekt tatsächlich
fremdgesteuert oder habe ich es lediglich aufgeweckt?
Verschiedenste Zugänge sind möglich und
bewusst offen gelassen. Auch die Entwicklung von
Stadträumen und sozialen Prozessen sind schwer
vorhersehbar und nur bis zu einem gewissen Grad
kontrollierbar.
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Anwendungen / Ausblicke
Mit der hier ausgestellten Installation ist ein
Setup illustriert, das eine Weiterbearbeitung in
vielerlei Hinsicht ermöglicht. Andere Materialien,
Dimensionierungen und Interaktionsmuster stehen
zur Auswahl, um Experimente innerhalb der Disziplinen
Architektur, Psychologie oder Technik zu ermöglichen.
Die Ebenen könnten einen gesamten Raum überspannen
und ganze Räume und Plätze variieren ihre
Form. Ebenso könnte das Objekt von einem anderen
dislozierten Ort aus gesteuert werden. Anstatt der
Stoffebenen könnte ein Netz aus Fäden
aufgespannt sein, das seine Überschneidungs-
und Knotenpunkte immer wieder neu definiert. Sucht
man nach unmittelbar praktischen Anwendungen, so
kann man etwa ein intelligentes Fassadensystem daraus
ableiten, welches den Blick von innen nach außen
öffnet, aber bei starker Sonneneinstrahlung
den von außen kommenden Lichtstrahl abweist.
Auch wäre eine flexibel reagierende Decken-/Bodenlandschaft
eine Möglichkeit, um auf unterschiedliche Nutzungsmöglichkeiten
eines Raumes einzugehen, oder auf die Anzahl der
im Raum befindlichen Personen.
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