Anerkennungen _

59 Fluc&Fluc_Wanne
52 Hotel Môntreux à Paris
40 Flimmernde Präsenz – Musik Pavillon für Neue Musik

 

 

52 Hotel Môntreux à Paris
Verena Rauch

Voilà

Ich wünsche mir Raum als erfahrbares, fühlbares Etwas. Ausgehend von meinen sehr intensiven Träumen, der Vergesslichkeit der geträumten Realität und einer Sehnsucht nach Orten, die mich bewegen, beschäftige ich mich mit der Geschichte des Beat Hotels in Paris. In unterschiedlichen Prozessen, Transformationen und Medienwechseln entstehen genähte, gegossene, geschnürte Modelle und Skizzen. Mit diesem räumlichen und funktionalen Konglomerat entwerfe ich mein Hotel, das HÔTEL MONTREUX, ein Mikrokosmos für temporäre Charaktere.

Ein Ort zum Sein, zum Schlafen und in Ruhe Träumen.


Prozesse - Techniken

Themen beim Modellbauen und Zeichnen sind Körper, Hülle, Haut, Knochen und Fleisch. Ich nähe, schnüre, stülpe, hänge, giesse und schnitze aus Verborgenem, webe Geheimnisvolles ein, abgenähte Objekte werden zu räumlichen Konstrukten zusammengeschnürt. Fäden bilden ein räumliches Netz, das Motiv des Verhüllens, Einkleidens, Umhüllens und Verwebens des Raumes ist wichtig. Die Materialien, die ich bearbeite sind Latex, Stoff, Filz, Wachs, Knochen und Fleisch - es entstehen schwere Volumina und softe Körper. Das Ausgangsmaterial ist meist flächig und wird über Nähen und Verschnüren zu einem räumlichen Konstrukt oder Objekt, das differenzierte Oberflächen und haptischen Eigenschaften besitzt. Ausgegossene Wachskörper deuten auf den Abdruck eines Raumes hin, Nähte zeigen den vorausgegangenen Schnitt und verbinden Fragmente. Den Objekten und Raumteilen geht ein Prozess des Bearbeitens und des Behandelns vor, eine spannende und intensive Auseinandersetzung mit den Materialien ist meine Intention. Durch die verschiedenen Methoden des Faltens, Schichtens, Stülpens, Nähens, Verwebens nähere ich mich meinem Raum.

Methoden

NÄHEN: stoff- und membranähnliche Einzelsegemente - meist durch unterschiedliche Dicken, Oberflächen und Eigenschaften in ihren Flächen differenziert und strukturiert - werden von Hand oder mit der Maschine miteinander vernäht.

HÄNGEN: räumliche Anordnung der harten und der weichen Fragmente - an Fäden abgehängt bewegen sie sich leicht und frei.

WEBEN: Fäden bilden Netze, verknoten sich teilweise, bilden über das Lineare ein räumliches Konstrukt.

GIESSEN: Eigenschaften der zeitweise flüssigen Materialien Wachs und Gips und ihren Prozess des Aushärtens verwenden, um Zustände einzufrieren und dem Weichen das Harte gegenüber zu stellen.

SCHNÜREN: harte Wachskörper, geschnitzt, geschliffen, werden mit Fäden verschnürt - ergeben Formationen.

REISSEN: eingegossene weiche Elemente werden aus der härtenden Masse gerissen, hinterlassen Abdrücke - weicher Raum wird dem Harten entrissen.

Hotel Môntreux à Paris

RAUMIMZIMMER: Eine temporäre Installation als Raumpullover, Raumkleid oder Schlafkleid: Ich habe mir meinen eigenen Raum genäht und abgehängt, einen Raum, in dem ich mich wohlfühle, einen Raum, mit dem ich mich dem Fett nähern kann. Das Netz aus Fäden erzeugt Motive des Umhüllens, Einkleidens und Verhüllens. Gedanken zur Rauminstallation gehen von Träumen/Alpträumen, die einen einhüllen, zum Schlaf, in den Schlaf-Sinken, das Fremde im Hotel, in fremden Betten schlafen. Die Kühle der Fliesen, das alte Fett, das die Wände runterrinnt, die Wände und Böden, die kleben, die verlassene Situation lösen Emotionen aus. Raum geht einem nahe und kommt einem nahe.


Hotel Môntreux à Paris

Das Hotel steht als Synonym für Rastlosigkeit, Veränderung, für flackernde Unruhe, Ziel-und Sinn-Suche, ein Ort für beziehungsreiche Anonymitäten, Ausgangspunkt für Expeditionen, Fluchtpunkt und idealisiertes Ziel derer, die auf dem Weg sind. Ein Ort zum Sein, Fühlen und Leben, zum Schlafen und in Ruhe Träumen. Ein Mikrokosmos für mehr oder weniger temporäre Bewohner, eine Raststätte für Individuen. Das Hotel hat eine Seele, einen Charakter und Willen. Nicht besonders stabil, eher launisch, melancholisch, spontan, pathetisch, vielleicht ein bisschen vergesslich und unruhig wirkt es - liebt das Provisorische, Unkontrollierbare, Zufällige und freut sich über skurrile Gäste, die es in absurde, groteske Situationen bringen kann. Die Wirklichkeit, denkt sich das Hotel, kann draussen bleiben und das Phantastische, Wunderbare, Unerwartete darf zu Gast sein. Das kleine Hotel im Quartier Latin im 6ème Arrondissement in Paris besitzt eine eigene geheimnisvolle Welt, es wird im Keller von Vergangenheit und Erinnerung bewohnt. Verspannungen, Verzerrungen, Verwebungen und Verwicklungen bilden ein System von Räumen - die Gäste verdichten das Konglomerat zu einem kompakten lebendigen Konstrukt. Tag-Nacht-Verwechsler sind meine Hotelgäste - Tagträumer, Schlafwandler, Wunderland-Suchende, Stille-Findende, Sehnsüchtige, verkrachte Existenzen, Grübler, Vagabunden finden ihr Zimmer im Hotel. Kein fester Ort - nirgends. Weite und Tiefe des Raumes verschieben sich, die Übergänge sind fliessend, die Wahrnehmung richtet sich nach innen, fremd und unerwartet, spannend erlebt der Gast die Hotelräume. Die Übergänge, Schwellenbereiche von Nacht zu Tag, von Unterbewusstsein zu Bewusstsein, vom Traum zum Aufwachen, erlebt der Mensch an diesem Ort. Alles dringt nach Innen, kaum etwas nach Aussen.